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Mittwoch, 1. Mai 2019

Let's talk about #4: Hip-Hop und Feminismus


Für die Juice, dem einzigen noch regelmäßig in Deutschland erscheinenden Hip-Hop Printmagazin, schreiben etwa drei weibliche Autorinnen pro Ausgabe. Währenddessen lädt die Backspin zur jährlichen „Frauen im Rap“ Krisensitzung, die mit der Zeit zwar an Raffinesse gewinnen mag, schlussendlich aber eher ein Anlass für verbitterte Frauen ist, sich weiterhin über andere Frauen zu beschweren und das Problem zu verleugnen, weil sie selber nicht betroffen sind, anstatt anderen Props zu geben und sie zu unterstützen. Diese Lächerlichkeit führt bis hin zu Leserbriefen, die female Titelstorys und Meinungsäußerungen fordern. Immer noch sitzen in Battle Rap Jurys oftmals keine Frauen und wenn über ein neues Album diskutiert wird, übernimmt die Frau höchstens die Moderation der beiden verhandelnden Akteure. Zwar wurde noch nie in diesem Ausmaß über „Frauen im Rap“ gesprochen, doch was hier fehlt sind nicht die Frauen, sondern der Feminismus und die Gleichberechtigung aller. Und das sind nur einige Beispiele. 


In diesem Artikel soll es nicht wie so oft darum gehen, Privilegierte bloßzustellen oder Raptexte zu verreißen, sondern auf den Konflikt zwischen der Hip-Hop Kultur und seinem nach außen tretenden Standing aufmerksam zu machen und an vertretbare Werte, statt an Kontostände zu appellieren. Zusätzlich sei erwähnt, dass Kontroversität in der Kunst und Hatespeech von einander zu trennen sind und nicht miteinander einhergehen!

"Ihr nennt es Feminismus, 
ich nenn es einfach 
Menschlichkeit" - Juju 
Hip-Hop, das ist die Kultur, die für alle da ist. Wo es egal ist,   wer du bist und woher du kommst. Wo du sein kannst, und aus dir machen kannst, was du möchtest. Wo alles erreichbar scheint. Das ist die Vorstellung, die ich in meinem Kopf mit Hip-Hop assoziiere. Der Spiegel der Gesellschaft, heißt es außerdem oft. Und da in der Gesellschaft Sexismus und Diskriminierung existiert, existiert dies im Hip-Hop natürlich auch. Ganz klar. Und niemand stört sich daran. Also schon, aber solange es keinen Umschwung innerhalb der Gesellschaft gibt, muss es den im Hip-Hop selbstverständlich auch nicht geben. Dieser Eindruck wird mir oft vermittelt. Es kommt mir so vor, als würden Ausreden gesucht um abzulenken. Um zu relativieren. Um seine eigene Position nicht zu verlieren und erfolgreich zu bleiben. Das gilt insbesondere für Rap, das wohl nach außen hin bedeutendste Element von Hip-Hop.



Verfechter der Kultur sind sich darüber einig, dass nicht jeder der rappt, automatisch Hip-Hop ist. Und gleichzeitig nicht jeder, der Hip-Hop und seine Werte lebt, zwangsläufig rappt. Vor allem sind sie dieser Meinung, wenn die Gesellschaft Künstler, die ein Fehlverhalten an den Tag legen und der gesamten Community schaden, der Hip-Hop Kultur zuordnen, nur weil sie rappen. Fühlen sich diejenigen denn auch ebenso gestört, wenn Frauen sich plötzlich anmaßen, ihre Positionen einzunehmen, oder sich für Gleichberechtigung einsetzten? Drückt das nicht den Verkaufswert, wenn man offen kundtut, dass in dieser Kultur jeder willkommen ist?



Innerhalb dieser Debatte tun sich viele Fragen auf. Denn man kann nicht bestreiten, dass erfolgreiche Musiker, die vielleicht rappen, aber nicht Hip-Hop verkörpern, der Kultur insgesamt helfen. Wenn Rap als ein Teil von Hip-Hop erfolgreich ist, auch wenn der Musiker nicht selbst Teil der Kultur zu sein scheint, ist nur logisch, dass Hip-Hop automatisch mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Wenn dieses Verständnis gegeben ist, kann man auch nachvollziehen, weshalb Hip-Hop sich auf seinem Status als „Spiegel der Gesellschaft“ vermeintlich ausruht. Denn wenn Hip-Hop wirklich seine Werte verkörpern würde, es tatsächlich egal ist, wer du bist, ob du eine Frau, oder ein Mann bist, woher du kommst und an was du glaubst, dann könnten sich doch genau diese Vertreter, die sich Hip-Hop dick auf die Fahne schreiben, für mehr Gleichberechtigung einsetzen. Eine Vorreiterrolle für die Gesellschaft einnehmen und sich von Künstlern zu distanzieren, die mit ihrem Sprechgesang zwar ein Stilmittel verwenden, was Hip-Hop ausmacht, aber dessen Werte in ihren Texte mit Füßen getreten werden. Hip-Hop könnte der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, anstatt dessen Verhaltensweisen zu reproduzieren. Vor allem in der heutigen Zeit, in der Medien und Künstler einen größeren Einfluss haben, als jemals zuvor. Stattdessen wird sich über Pauschalisierungen beschwert, die Hip-Hop als Kultur schaden, weil jemand, der offensichtlich nicht die damit verbundenen Werte teilt, negative Publicity auf die gesamte Kultur zieht. Aber anders herum wird sich nicht von Künstlern, die im Mainstream stattfinden und dabei fragwürdige Inhalte verbreiten, distanziert. Natürlich ist die Reichweite groß, wenn man über die Chartspitzen spricht. Und diese Zielgruppe, die auf dem Pausenhof Lyrics über Schlampen und Nutten rezitieren, springt nunmal ab, wenn es plötzlich um Gleichberechtigung geht. Wenn es darum geht, dass auch die Meinungen von Frauen relevant sind und auch andere gesellschaftliche Minderheiten im Hip-Hop, so wie ich ihn kennengelernt habe, dazugehören. 

Es wird immer darüber gesprochen, dass Rapper es tunlichst unterlassen sollen, frauenverachtende Texte zu schreiben. Das ist natürlich gut und wichtig und leistet einen Beitrag zu mehr Gleichberechtigung, aber warum ist es immer noch okay, dass einige Medien weiterhin unkritisch über die populären Musiker berichten, ihnen eine Plattform bietet und, weil es verkauft, aus allem eine Story schlägt?

Letzteres greift vor allem, wenn es nicht um Musik geht. Rapper XY hat Beef, einen neuen Werbedeal, eine Rolle in einem Kinofilm. Alles bekommt eine News. Alles füttert die Mäuler derjenigen, die sich die Verfasser menschenfeindlicher Texte zum Vorbild nehmen. Es wird so dargestellt, als sei dieser Künstler Hip-Hop, sonst würde er dort ja nicht stattfinden. Das impliziert, dass jemand, der feindliche Aussagen über Frauen, Homosexuelle oder anderen Minderheiten tätigt, Hip-Hop sei. 

Warum schaffen insbesondere Medien keine Awearness? Warum wird bei einer Neuvorstellung eines Albums höchstens am Rande erwähnt, dass es fragwürdige Inhalte enthält und warum wird nicht verdeutlicht, dass das auf keinen Fall Hip-Hop ausmacht? Warum findet so etwas dennoch täglich in diesen Medien statt? Weil es verkauft. 

Solange Hip-Hop, und alle die sich darunter verstehen, nicht für Jedermann verdeutlicht, dass dort jeder Mensch sein darf, egal wie und wer er ist, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch kein positiver Impact auf die Gesellschaft erzielt. Und das, obwohl gerade heutzutage die Chance bestünde, auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Wann wird der Gesellschaft mal der Spiegel vorgehalten? Wann wird verdeutlicht, dass Hip-Hop menschenverachtende Inhalte nicht unterstützt und Akteuren, die sich der Elemente dieser Kultur bedienen, ohne die Werte zu teilen, keine Plattform bietet und sich von ihnen distanziert? Und das, auch wenn damit ein Verlust von Quote und damit Geld einhergeht.

Rap ist so erfolgreich wie nie und noch nie war die Chance größer auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Das gelingt jedoch nur, wenn kontroverse Figuren außen vor gelassen, und interne Strukturen angepasst werden. Gebt jedem Menschen die Möglichkeit, die Kultur voranzubringen. Durch Mitgestaltung, Meinungsäußerung und allen weiteren Beiträgen, die dazu zu leisten sind.

Text: Annika Schwarze

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