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Mittwoch, 24. Juli 2019

Über die "HipHop Producers Conference" - und Tua im Interview

quelle: beatcon
Wie viele Bestandsaufnahmen von Rap in Deutschland im Jahr 2019 beginnt auch diese hier damit, wie groß, erfolgreich und bedeutsam das Genre mittlerweile ist. Aber sorgte in jüngster Vergangenheit eher das Trauerspiel um die Hype-Awards für Aufsehen, so blieb ein weiteres Event  von und für die Szene beinahe unerwähnt: die beatcon. 

Die „HipHop Producers Conference“ tagte im vergangenen Juni zum ersten Mal und versammelte auf zwei Stages ein ganzes Wochenende lang viele Top-Producer, Experten und Fans im Düsseldorfer Boui Boui Bilk. Neben wichtigen Live-Themen wie FOH-Mixing oder Auto-Tune, wurden ebenfalls allgemeine und essentielle Themen der HipHop Produktion vorgetragen. So klärte Sebastian Möllmann, Anwalt für Medienrecht, über rechtliche Basics auf, HipHop.de lud zum Business Panel über das Streaming-Zeitalter und Produzenten wie Jugglerz, Miksu & Macloud oder Tua boten Einblicke in ihre Arbeitsweise. Des Weiteren konnte an zahlreichen Workshops für Einsteiger teilgenommen und sich in der Community-Area an einem der Infostände einiger Partnerfirmen auch abseits der Bühnen weiter ausgetauscht werden. So erinnerte die beatcon durchaus an eine klassische Messe, verlor durch ihren nerdigen Charme jedoch nicht den Bezug zur Szene. Vor allem nicht, wenn Moderator der SNIPES-Stage Falk Schacht plötzlich mit einem Megafon in der Hand durch die Location irrt und zum nächsten Vortrag bittet. Oder kopfnickend im Gang flaniert, weil nebenan auf einem bereitgestellten Klavier die Melodie von Still D.R.E ertönt. 

Live Musik schaffte es an diesen Abenden jedoch auch noch auf die Bühnen. Newcomer Elias und Kritikerliebling Tua ließen jeweils mit einem exklusiven Gig die gehaltvollen Tage ausklingen. Unmittelbar vor seinem Auftritt, durfte ich Tua zum Interview über Producing und sein im März erschienenes Album treffen.

Dein letztes Solorelease liegt schon etwas länger zurück, wie hat sich deine Herangehensweise an das Musikmachen verändert? Inwiefern hast du dich dahingehend, auch mit Blick auf andere Projekte, denen du in dieser Zeit nachgegangen bist, weiterentwickelt? 

Die Art und Weise wie ich Musik mache hat sich auf jeden Fall verändert. Wenn du eine Klammer zwischen „Grau“ und dem was ich jetzt gemacht habe setzt, dann ist das, was „Grau“ und mein selbstbetiteltes Album vereint eine sehr persönliche und themenlastige Herangehensweise. Die Eps, die ich dazwischen veröffentlicht habe, waren allgemeiner und abstrakter. Der Unterschied ist, glaube ich, dass ich besser im Songwriting geworden bin. Ich schreibe viel klassicher Songs und versuche es kohärent zu halten. Dann im Vergleich zu vielen anderen Sachen, die ich davor gemacht habe, vielleicht auch eine Art der Verdichtung.

Wie hast du eine Auswahl der Themen getroffen, die auf deinem Album stattfinden? Hast du dich dabei auf einen bestimmten Zeitraum deines Lebens fokussiert?

Die Sachen, die ich jetzt auf dem Album bespreche, sind über viele Jahre passiert. Es sind  große Umschwünge in meinem Leben gewesen, große Momente, die aber auch wahrscheinlich viele Andere haben. Ich habe mir, als ich angefangen habe das Album zu machen, immer gesagt, dass ich jetzt die großen Songs schreiben möchte. Also nicht irgendetwas flächiges über einen Abend den ich mal hatte, sondern jetzt wollte ich den Song über alle Abende schreiben, die ich hatte. Den grundsätzlichen Song. Das ist das Ding. Da kommt auch die Schwere her, die das Album hat. Weil man mit dieser Herangehensweise natürlich viel weniger aus dem Handgelenk heraus arbeitet.

Hat sich der Prozess der Entstehung einzelner Songs auch über die Jahre entwickelt? Wie hast du den Klang für dein Album gefunden, der sich auf eine Art und Weise wie ein roter Faden durch jeden Song zieht?

Mit dem vorhin erwähnten Weiterentwickeln trifft es das genau. Ich habe ungefähr zwei Jahre an den Songs für „Tua“ gearbeitet. Um das alles am Ende zusammenzuführen, damit es nicht wie Kraut und Rüben klingt, hab ich dann vielleicht das letzte halbe Jahr gebraucht. Da habe ich dann auch mit Wanja Janeva, die ganz viele Backing Vocals gemacht hat und Geigen sowie Gitarren aufgenommen hat, zusammengearbeitet. Ich habe viele Sounds ausgetauscht, die ich irgendwann mal ausgewählt hatte und habe dann versucht Stringenz in dieses Album reinzukriegen, das ja sehr divers ist. Da gibt es Songs wie „FFWD“ und es gibt Songs wie „Wenn ich gehen muss“. Das sind schon zwei paar Schuhe. Wie bekommt man nun hin, dass es gleich klingt, bzw. nicht gleich, aber so, dass es nicht so klingt wie von zwei verschiedenen Künstlern. Das war dann eine Challenge für mich.

Du hast gerade die Diversität des Albums angesprochen, ziehst du für dich selbst Genregrenzen, da man dich primär als HipHop Artist einordnet?

Im HipHop gibt es keine Genregrenzen für mich, aber was sehr oft passiert ist, dass ich Songs mache, wo ich denke, dass ich das nicht wirklich bin. Ich glaube es geht vielen Artists so. Wenn man Pop Songs schreibt versucht man automatisch, das nicht zu komplex und abstrakt werden lassen. Mir geht es dann oft so, dass ich es nicht mehr fühle. Das ist immer noch ein guter Song aber eben nicht meiner. Ich bin kein einfacher Typ. Das ist tatsächlich total das Gefühlsding. Ich hatte es auch, dass ich Leuten Songs vorgespielt habe und die waren so „nein, irgendwie ist das kein Song für dich“. Oder auch andersherum, dass ich gedacht habe „hey, das geht gar nicht“ und mein Umfeld war so „hä, wieso? Voll geil!“ Zum Beispiel war ich mir bei „Wem mach ich was vor“ am Anfang etwas unsicher. Dann haben mir verschiedene Leute immer wieder gesagt, dass der Song übel fett ist und voll zu mir passt. Dann habe ich mich noch einmal darangesetzt und gemerkt, dass ich nur noch ein paar Gefühlsschrauben für mich verstellen muss.

Du legst also bewusst Wert darauf, was andere Leute von deiner Musik halten? Vereinfacht es für dich deinen eigenen Ansprüchen an deine Musik gerecht zu werden?

quelle: chimperator, david daub
Mit jedem Jahr das ich älter werde, weiß ich die Meinung von Leuten mehr zu schätzen. Und zwar eigentlich quer durch die Bank. Als ich jünger war habe ich auf gar niemanden gehört und dachte, dass ich alles voll gut weiß. Auf diese Art und Weise kann man natürlich sperrige und vielleicht auch, wenn man Glück hat, coole und störrische Eselmusik machen, die aber auch die Gefahr birgt, dass die Leute das einfach nicht fühlen. Man hat einfach nur ein Sensorium parat und man ist empfänglich für eine bestimmte Art von Musik und bestimmte Art von Prägung und so etwas. Und je älter ich werde, desto mehr möchte ich auch Musik machen, bei der ich mir sicher bin, dass das, was ich bei den Leuten auslösen möchte, auch passiert. Ein Esel wäre ich, wenn ich mir einbilden würde, dass ich im Alleingang entscheiden kann, ob es bei Leuten funktioniert oder nicht. Will sagen, ich habe jetzt viele Leute in meinem Umfeld mit denen ich gerne Musik höre und von denen ich ganz viel lernen kann.

Um noch einmal auf den Ursprung eines jeden Songs zurückzukommen, hast du eine bestimmte Vorgehensweise, sodass beispielsweise zuerst der Beat und dann die Lyrics feststehen? 

In den meisten Fällen kommt die Idee als Erstes. Beispielswiese tritt ein bestimmtes Gefühl immer wieder auf. Nehmen wir mal „Wem mach ich was vor“. Das ist so etwas, was in meinem Leben immer wieder  passiert ist. Dass ich rumgelaufen bin und Leuten gesagt habe, dass ich über irgendetwas hinweg bin. Eigentlich war ich aber überhaupt nicht darüber hinweg, sondern immer noch im Kampf mit mir. Dabei hab ich dann gemerkt, dass das etwas Grundsätzliches ist, das ich auch auch bei anderen Leuten beobachten kann. Alleine die Aussage „mir geht’s voll gut“ - das schreit ja eigentlich, dass es eben nicht so ist. Und wenn so etwas immer wieder auftritt und ich mir immer wieder in mein Handy oder in meine endlosen Textsammlungen Zeilen aufschreibe, die in diese Richtung gehen, dann merke ich irgendwann, dass das ein Song ist. Dann überlege ich mir von der Idee ausgehend, was für eine musikalische Form es dafür gibt. Also „Wem mach ich was vor“ klingt für mich beispielsweise während der ganzen Strophe wie eine Party, die im Nebenzimmer stattfindet. Ich fand es sinnvoll, dass man so slightly neben der Party ist und sich seine Gedanken macht. Und dann geht, jedes mal wenn der Refrain kommt, kurz die Tür auf und das ist in den Gedanken wie ein Überfall. Das meine ich auch mit Verdichtung, dass ich versuche von der Idee ausgehend die richtige Form für so etwas zu finden.

Hast du dann direkt eine konkrete Vorstellung, wie der Song klingen soll?

Ja, das hat ganz viele emotionale und technische Komponenten. Wenn ein Song beispielsweise sehr textintensiv ist, wo es dir also wichtig ist, dass viel Text vermittelt wird und dass die Leute dir zuhören, dann weiss ich nicht wie sinnvoll es ist, wenn man einen 150 bpm Doubletime Beat machen möchte. „Vater“ zum Beispiel lässt sehr viel Raum für den Textinhalt. Bei „Tiefblau“ dagegen passiert musikalisch genau das gleiche wie inhaltlich. Die Idee wurde erst  greifbar, als ich mir gesagt habe, dass ich das wie eine technische Beobachtung des Ganzen beschreiben muss. „Wir steigen auf“, da singe ich nach oben, „wie Luft im Wasser“. Im Hintergrund laufen Synthies, die meiner Meinung nach wie Wasser klingen.

Kannst du es nachvollziehen, wenn Leute sagen, dass ihnen entweder der Beat oder die Lyrics egal sind, solange das andere für sie eine größere Aussagekraft hat?

Ja natürlich. Ich höre oft, dass Leute sagen, dass ihnen einfach der Beat gefällt, ohne Ahnung vom Text zu haben. Das ist voll okay finde ich. Es kommt ja auch immer darauf an was man von einem Song möchte. Also wenn du einen Track machst, der dafür gedacht ist, dass die Leute tanzen, dann sollte man vielleicht nicht philosophieren.

Bei deinem Vortrag auf der Beatcon gehst du insbesondere auf den Track „Vorstadt“ ein. Was macht ihn für dich so außergewöhnlich?

Der Song ist für alles, worüber wir gerade reden, ein gutes Beispiel, weil da ganz viel von dem enthalten ist, was ich an Artists interessant finde und was ich als Artist versuche zu sein. Das heißt, dass ich meine persönliche Geschichte klar gesehen und da rein gewoben, aber gleichzeitig so offen gelassen habe,, dass sie trotzdem noch für viele Leute genauso gültig ist. Super viele Leute haben mir zu dem Song geschrieben, dass es bei ihnen genauso war und das, obwohl ich ganz explizit irgendwelche Leute nenne, die die natürlich nicht kennen und die du auch nicht googeln kannst. Da liegt der Reiz drin. Es allgemeingültig und persönlich zugleich zu halten. Dann ist natürlich der Faktor Produktion und irgendwie wieder dieses blöde Wort Verdichtung darin. Ich beschreibe drei Abschnitte in meinem Leben, die zur gleichen Zeit drei verschiedene Ären von HipHop waren. Entsprechend hat jede Strophe jeweils den Sound dieser Zeit. Dann sind mit Afrob für die erste und Bausa für die letzte Strophe auch noch zwei Gäste aus der jeweiligen Zeit mit an Board und wir haben beim Mix darauf geachtet jede Strophe so zu mischen wie es damals üblich war.  Ich habe bei „Vorstadt“ versucht jede Möglichkeit um eine bestimmte Aussage zu treffen auch zu nutzen.   

Ist die Auffassung, einen Song als Gesamtwerk zu betrachten, der Grund dafür, warum du auf deinem Album auf ein typisches Feature verzichtet hast? Stört ein klassischer Featurepart das Konzept?

Ich hatte einfach so viel Stuff und so viel Zeug, was ich selbst schon erzählen wollte, dass ich irgendwann gemerkt habe, da ist jetzt keine Notwendigkeit oder eigentlich nicht einmal mehr der Raum da, um Leute darauf zu lassen, ohne dass es wahllos wird. Deswegen habe ich diese kleinen Features gemacht, es gibt ja diverse Leute die auf dem Album sind, die einen Cameo Auftritt machen, und dann fand ich es cool, aber ich hatte einfach keinen Platz für große Features. Es kann sein, dass ich das noch irgendwann mache, für das Album war es aber nicht das richtige Ding.

Ist das Produzieren für oder mit anderen Künstlern ein Ventil für das, was du nicht auf deinem eigenen Album siehst, was du allerdings dennoch als künstlerisch wertvoll ansiehst?

Ja voll. Wir haben heute, gerade aktuell wo wir das Interview führen, mit den Orsons eine neue Single rausgebracht und da fahre ich ja ganz andere Filme. Und das sind da ja auch nicht unbedingt meine! (lacht) Früher habe ich das scheiße gefunden und habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, aber jetzt bin ich irgendwie erwachsen genug oder ich freue mich darüber mehr, weil es mir die Möglichkeit gibt zu sagen, dass ich auch einfach mal nur ausführend sein kann und mache was ihr sagt. Ich finde das auch voll okay, weil eure Meinung auch cool ist. Also ich glaube, dass ich da viel offener geworden bin und vielleicht auch aus diesem Punkt heraus der Wunsch kommt zu sagen, hey, lass mal schauen was passiert, wenn ich mich ein bisschen zurücknehme. Vielleicht sogar auch bei meinem Solozeug, das kann schon sein, dass das irgendwann passiert.

Wie bist du überhaupt dazu gekommen, dich so darauf zu fokussieren, alles bis ins kleinste Detail selber zu produzieren? Ist Produzieren nicht zunächst abwegiger, als einfach auf diverse Beats zu rappen?

Ich habe damals tatsächlich eigentlich gleichzeitig mit dem Rappen und Produzieren angefangen. Am Anfang hatte ich sogar fast noch mehr Interesse am Musikmachen, als am Rappen. Bei mir kommt es sicher mitunter daher, dass ich in diesem Kaff großgeworden bin, da in der Vorstadt von Stuttgart, in Reutlingen. Ich kannte erstmal mehrere Jahre außer mir niemanden der das da gemacht hat. Deswegen habe ich mich dann auf beiden Seiten, also sowohl beim Musik rumschrauben und Sachen einspielen, als auch beim Texten und Singen und Rappen versucht.

Heute sind Viele gekommen, um dir zuzuhören und mehr darüber zu erfahren, wie du arbeitest, aber was waren Leute die dich über die Zeit inspiriert und begleitet haben? 

Über die Jahre unendlich viele. Ich habe aber auf jeden Fall schon immer einen Faible für englische Musik gehabt, und auch generell für Europäische. Als Jugendlicher habe ich mir das ganze HipHop Zeug reingezogen, weil das viel mit Haltung verbunden war und man cool sein wollte, aber eigentlich mochte ich von klein auf Techno und auch schon sehr früh Trip Hop. Ich hätte es damals nie als das benennen können, aber ich habe unter anderem The Prodigy gehört und das Faible dafür, was aus der Richtung kam, das hat auch nie richtig aufgehört. Kruder & Dorfmeister zum Beispiel, das war Downtempo Zeug aus Wien, das war eigentlich so Loungemusik. Eine südeuropäische Variante von Trip Hop, wenn man so will. Mucke zum am Strand chillen oder im Café hören. Und es war geil produziert! Das ist ja eigentlich alles Zeug, was irgendwie über England reingeschwappt ist. Von Jamaika nach England und von da nach ganz Europa. Dub-Elemente, Drum&Bass, Jungle, Trip Hop und so weiter. Genau, das war immer mein Ding. Ich meine, ich mochte auch Dubstep, bevor es dann zu EDM wurde, und ich mochte auch Grime, ich mag es immer noch! Irgendwie ist da was da, was die gleiche Temperatur wie meine Seele hat. Regnerisch. (lacht) Spaß! 

Die beatcon erhob den Anspruch eines Events für all diejenigen, die ansonsten oftmals unerwähnt bleiben - mit Erfolg. Man kann also gespannt sein, ob und wie die Convention in Zukunft in die zweite Runde geht.



Text: Annika Schwarze

Bild: beatcon, David Daub

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