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Sonntag, 6. Oktober 2019

Das Fritz Festival 2019: Ein Denkanstoß

Einst aus RockRadio B und Radio4U als erster Jugendsender der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten hervorgegangen, mauserte sich Radio Fritz zum Paradebeispiel des deutschen Jugendprogramms in der Radiowelt, fand dabei bundesweit seither viele Nacheiferer und wirft damals wie heute ein besonderes Auge auf HipHop. So war „Connected“ der Stereo MC’s der erste geplante Song am Morgen des 1. März 1993.

Seitdem ist viel passiert. Das einstige Experiment, als eines der ersten medialen Ost-West-Projekte nach dem Mauerfall, fand auch über Berliner und Brandenburger Grenzen hinaus offene Ohren in der jungen Bevölkerung. Gleichzeitig lässt auch HipHop in Deutschland auf eine aussagekräftige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Das Gefühl breitet sich aus, dass seither nicht nur viele junge Menschen mit Fritz vom rbb groß geworden sind, sondern auch ganze Musikgenres. 

Etliche Konzerte wurden von Fritz arrangiert, eigene Sendungen für das Genre entworfen und von bekannten Gesichtern der Szene repräsentiert. Aber ein Höhepunkt sollte länger auf sich warten lassen. Das erste hauseigene Festival getreu dem Motto „Irgendwas mit Rap“. Die Sendung, die seit 2013 von Visa Vie moderiert wird und dabei auf zwei Stunden sympathisches Entertainment mit meist hochkarätigen Gästen bietet, schaffte es nun auf die Bühne des IFA Sommergartens in Berlin. Natürlich mit Visa Vie als Moderation und den erfolgreichsten Acts, die deutscher Rap aktuell zu bieten hat. An diesem ersten Septemberwochenende teilten sich RIN, Mero, Yung Hurn, Juju und einige unverhoffte Special Guests wie Loredana die Open Air Bühne. 

Aber von vorn. HipHop, das ist schon lange keine kleine Bewegung des New Yorker Untergrunds mehr. Also schon, aber darüber hinaus eben bedeutend vielseitiger. Eine Jugendkultur, die längst keine mehr ist, sondern sich durch alle gesellschaftlichen und demographischen Schichten ihren Weg bahnt und den Menschen eine Stimme schenkt, die sonst nicht zu Wort kommen, die keiner hört und für die sich keiner interessiert. Wie passt das zusammen, mit einem Festival voller Chartstürmer, bei angenehmen Spätsommer Temperaturen und zumeist privilegierten Besuchern, von dem gerade noch die Rede war? Von dem anfänglichen schmutzigen Gassen, der „Straße“, ist im Sommergarten einer Messegeländes nicht mehr viel übrig geblieben. Das wird dem radiotauglichem „Lalala“ und „Lelele“ gerne vorgeworfen. Und da nehme ich mich selbst nicht mal heraus. 

Aber, HipHop war doch für alle da. Was ist aus "Wenn du’s magst dann bist du cool, wenn du’s nicht magst bist du ein Bastard" geworden? Reicht das  nun nicht mehr aus? Zwischen, „Wer ist wegen HipHop hier?“ und dem Verteufeln prominenter Spotify-Playlists gerät gerne einmal unser Mindset in Vergessenheit. Und ich sage ganz bewusst unser Mindset, denn was wenn nicht HipHop bringt Menschen zusammen? Das passiert im immer noch in den Kinderschuhen steckenden zwanzigsten Jahrhundert nunmal nicht mehr ausschließlich auf Battle Cyphers, zwischen B-Boys und Sprayern oder Discman und Boombox. Auch wenn ich nachvollziehen kann, wenn die „good old times“ aufrichtigen Realkeepern nachhängen. So haben sie doch ihrer Szene aufgeholfen. Und ja, das stimmt, aber HipHop’s growing up meine Freunde. Und das passiert nunmal in der fortgeschrittenen Welt, wie sie eben heutzutage ist. Und in dieser Welt rezitieren Kids auf dem Pausenhof statt Tony-L zwangsläufig eben Mero und Konsorten. 

But back at it: Unseren Gründungsvätern gebührt jeglicher Ruhm und Ehre, denn ohne sie wären wir heute nicht in der Mitte der Gesellschaft angelangt. Und ein RIN, Mero, Yung Hurn oder Juju, die vor 6.000 Menschen in einem spießigen Messegarten der westlichen Hauptstadt performen, kommen auch nicht aus den Reihenhäusern der glamourösen Vorstadt. Darüber sprechen sie auch und verfolgen unweigerlich einen zumindest ähnlichen politischen Anspruch, wie damalige Pioniere. Aber das schiebt man jeher breitwillig beiseite.  Eine solche Veranstaltung hat ebenso ihre Daseinsberechtigung wie vermeintlich traditionelle Massenaufläufe auf Ferropolis. Denn im Prinzip finden ebendiese Künstler genauso auf dem Splash! Festival statt, wie die aus dem Boden gestampfte Live Ausgabe von „Irgendwas mit Rap“. Je mehr finanzielle Unabhängigkeit man genießt, desto unbekümmerter kann man sich auf das Ausleben seiner Kunst fokussieren. Das unterstreichen immer wieder ebenso Künstler der alten Schule. Doch ohne die Initialzündung einer Plattform wie Radio Fritz, wäre diese Form der Autonomie vermutlich nicht denkbar gewesen. Somit ist der Sender von nicht unwesentlicher Bedeutung, wenn man auf den Status Quo von deutschem HipHop schaut. Denn man war einst wütend, weil die da oben nicht zuhören wollten. Die Abgrenzung durch Sprache, Kleidung oder Verhalten war doch stets die unmittelbare Reaktion um zu zeigen: Wir sind nicht wie ihr! Wir scheißen auf euch! 

Doch Begründer wie das Jugendradio Fritz einer ist, gaben den bislang Ungehörten eine Bühne, Sendezeit und damit Aufmerksamkeit. Im Radio gespielt zu werden, gehört heute zur Normalität. Und vielen ist nicht einmal bewusst, dass es immer noch flächendeckenden Sexismus oder andere Form der Diskriminierung stattfinden, obwohl oftmals keine obszönen Ausdrücke in der rosigen Popwelt Verwendung finden. Wo liegt da der Unterschied zu Rap? Es gibt schlichtweg keinen. 

Und auch wenn Rap heutzutage zu der Kapitalanlage schlechthin zählt, die Geschäftsidee, mit der sich wunderbar und vermeintlich einfach Gewinn erzielen lässt, sollten wir Veranstaltungen wie diese in einem umfassenderen Kontext betrachten. Und vermutlich hingehen und mit Leuten ins Gespräch kommen, die offenbar den Backround bisher nicht erfasst haben, um heute hier stehen zu können und Turn Up zu schieben. Klingt alles utopisch und am Ende bin auch ich wieder genervt und schimpfe über alle, dass sie HipHop nicht verstanden haben, aber dennoch sitzen wir am Ende des Tages irgendwie mit allen im gleichen Boot und auch ein kommerziell erfolgreicher Rapper trägt letztendlich dazu bei, dass auch der Untergrund ein, wenn auch nur kleines, Stück vom Kuchen abbekommt. 

Eigentlich sollte das ein klassischer Beitrag über das Fritz Festival - Irgendwas mit Rap - werden. Herausgekommen ist nun ein wiederkehrender Konflikt. Eine Hassliebe, die mit dem momentanen Rapgeschehen in der Bundesrepublik einhergeht. Und ein Appell an alle, aber insbesondere auch an mich selbst, Menschen die Möglichkeit zu bieten sie abzuholen. Sei es zwischen Markennamen oder Glockenbeats. Denn schlussendlich geht es doch nicht darum, wer einem in den Kram passt, sondern gemeinsame Werte zu teilen. Und die HipHop Kultur steht prinzipiell für wichtige und richtige Werte ein. Sollte es nicht vordergründig um ebendiese Werte gehen, als die „Marke“ HipHop?

Ein Denkanstoß.


Text: Annika Schwarze
Bild: Radio Fritz/Four Artists 

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